Fallbeschreibungen aus der Beratungspraxis

„Ich bin unfähig, als Lehrerin zu arbeiten“

Eine 57-jährige Frau M., seit über 10 Jahren Lehrerin, kommt mit deutlich sichtbaren psychosomatischen Stress Symptomen in die Beratung. Ihre Motivation ist es, Alternativen zum Lehrerberuf zu überprüfen, um dem zu befürchtenden Absturz in die Arbeitsunfähigkeit entgegenzuwirken. In diesem Rahmen wird der PST-R als förderdiagnostisches Instrument empfohlen und eingesetzt.

Am Tag des Auswertungsgesprächs wirkt Frau M. sehr angespannt. Als ich nachfrage, welche Befürchtungen sie belasten, sagt Frau M.: „vielleicht kommt durch das Testergebnis raus, dass ich völlig unfähig bin als Lehrerin zu arbeiten und ich mir und allen anderen nur etwas vormache.“

Ich leite das Auswertungsgespräch mit allgemeinen Hinweisen zur Persönlichkeitsentwicklung ein und weise daraufhin, dass Persönlichkeitsmerkmale per se individuelle Merkmale sind, die objektiv nicht bewertet werden in gute oder schlechte Merkmale.

Zu Beginn des Auswertungsgesprächs zeige ich die Ressourcen in den Wesenszügen auf, die für den Beruf des Lehrers nützlich sind.

Mit einer Wachsamkeit von 4 beschreibt Frau M. sich mit einer gut ausgeprägten Sensibilität, um die Komplexität des Lehreralltags wahrnehmen und professionell und ausgewogen mit Nähe und Distanz den Schülern, Eltern und Kollegen gegenüber reagieren zu können. Die mittige Ausprägung in der Unabhängigkeit und soziale Anpassung vs. Selbstbehauptung unterstützt die Ausgewogenheit zwischen verständnisvoller Wertschätzung und direktivem Handeln in Entscheidungsprozessen. Aufgrund des permanenten Erwartungsdrucks, dem Lehrer im Allgemeinen ausgesetzt sind, ist die Ausprägung der Robustheit / Sensibilität mit 5 eine schützende Ressource, den multikausalen Erwartungen entgegen treten zu können. Die deutlich ausgeprägte Flexibilität, 1, und Unkonventionalität, 10 erleichtert es Frau M. den vielen unvorhersehbaren Situationen im Schulalltag mit hoher Selbstsicherheit, 9 und Eigenständigkeit, 8 begegnen zu können. Vergleichen wir diese Ressource mit der Tiefenstruktur (sachlich / korrekt) wird ein massiver Lernprozess deutlich, der im Schulalltag viel Kraft und Energie gefordert hat und nach wie vor von Frau M. fordert. Dies ist einer der Gründe für die deutlich spürbare Erschöpfung von Frau M.

Im nächsten Schritt verdeutliche ich die Ressource für sie als Lehrerin, die in der Ausprägung der Persönlichkeit sachlich / korrekt in der Tiefenstruktur zu erkennen ist. Mit diesen Kompetenzen ist es ihr möglich, Wissen, inhaltliche Zusammenhänge didaktisch so aufzuarbeiten, dass die Wissensvermittlung gelingt. Ebenso helfen die rational, sachlichen Persönlichkeitsmerkmale dabei, fair und gerecht Leistungsmaßstäbe zu setzen. Diese Fähigkeiten kann Frau M. automatisch mit wenig Kraftaufwand ausleben.

Im Verlauf des Auswertungsgesprächs relativiert die Ratsuchende immer wieder die Ressourcen ihrer Persönlichkeit, die durch die Testergebnisse erkennbar werden. Ich frage Frau M. wie sie es sich erkläre, dass sie über sich denke, sie sei unfähig als Lehrerin zu arbeiten, obwohl das Testergebnis mehrere starke Ressourcen für den Lehrerberuf aufweist. Daraufhin beschreibt Frau M. die negativen Strukturen des Schulsystems, die angepasste Haltung der Lehrkräfte, die überhöhten Erwartungen der Eltern an die Förderung ihrer Kinder und die Tabuisierung von wahrnehmbaren Missständen im Bildungssystem. Sie fühle sich den äußeren Umständen schutzlos ausgesetzt und ihre Leidenschaft, mit der sie ihren Beruf begonnen hatte, sei völlig verloren.

Anhand der Kontrollüberzeugungen konnte ich Frau M. den von ihr beschriebenen Prozess aufzeigen und mit ihr reflektieren, wie die äußeren Einflüsse von Menschen und Umstände dazu geführt haben, dass sie ihre Kernkompetenz der Eigenständigkeit in der Tiefenstruktur, des rationalen Analysieren von Zusammenhänge immer weniger mit Selbstvertrauen (Wesenszüge) und authentischen Durchsetzungsvermögen (Selbstbehauptung, Wesenszüge) leben kann und ihr immer weniger der Zugang zu ihren tiefsten Begabungen gelingt.

Durch den immensen äußeren Druck hat sich Frau M. von einer eigenständigen Willensstarken Persönlichkeit zu einer fremdbestimmten Persönlichkeit entwickelt. Das über viele Jahre entwickelte Bild der Abhängigkeit und das Gefühl ohnmächtig äußeren Bedingungen ausgeliefert zu sein, beeinflusst Frau Ms. Selbstbild massiv und verhindert, dass sie die vielen Ressourcen ihrer Persönlichkeit wahrnehmen kann.

Am Ende des Gespräches wurde deutlich, dass Frau M. unter einem stark verzerrten Selbstbild leidet, wodurch sie die Chancen, die der Alltag für sie bereithält, nicht nur nicht mehr wahrnehmen, sondern darüber hinaus auch nicht mehr für wahr halten kann. Für den weiteren Beratungsprozess vereinbare ich mit Frau M. an einem positiven Selbstbild zu arbeiten, so dass es ihr in Zukunft wieder gelingt, aus ihren vorhandenen Ressourcen heraus ihrem beruflichen Alltag zu begegnen. Die förderdiagnostische Haltung und die Perspektive des lebenslangen Lernens hat Frau M. ermutigt, sich zuversichtlich auf den Lernprozess einzulassen.

© Dagmar Janssen – 28.01.2020

„Mein Mann kann mit allen reden, nur nicht mit mir!“

Das Ehepaar M. kommt verzweifelt und ratlos in die Beratung und sie fängt auch gleich an zu erzählen:

„Mein Mann ist Lehrer und sehr beliebt bei seinen Kollegen und Schülern. Er versteht sich wunderbar mit ihnen, ist Vertrauenslehrer und hat immer ein offenes Ohr für sie. Doch kaum kommt er nach Hause ist er stumm wie ein Fisch. Ich sitze den ganzen Tag allein und ohne Ansprache mit zwei kleinen Kindern zu Hause und freue mich wirklich, wenn er kommt. Aber kaum mache ich die Tür auf und erzähle ihm meinen Tag, verdunkelt sich sein Blick. Er ist dann genervt und nimmt Reißaus Richtung Computer, Keller, Garten oder sonst einen Ort, wo er für sich allein sein kann. Das verletzt mich wirklich sehr. Ich glaube er liebt mich nicht mehr!“

Ich schaue nun Herrn M. an und frage ihn, was er dazu meint. Er beteuert gleich, dass er seine Frau wirklich liebe und sich auch jeden Tag auf seine Frau und die Kinder freue, aber nach acht Unterrichtsstunden sei für ihn irgendwie die Luft raus und seine Worte wären für diesen Tag schon  alle gesprochen. Er wisse auch nicht was da mit ihm los sei.

Nach meiner Eingangsdiagnostik auf Basis des Persönlichkeitsstrukturtests stellten sich bei den Ehepartnern folgende signifikante Unterschiede heraus:

Obwohl beide in ihren Wesenszügen eine hohe Kontaktbereitschaft zeigen (er 7 und sie 8) ist er in der Grundstruktur Introvertiert 1 und sie Extrovertiert 7.

Ich erkläre ihnen, dass Herr M. in  seiner Grundstruktur eher im Schweigen zu Hause ist. Bei Problemen, unter Stress und bei neuen Kontakten zu Menschen wird er diesen Situationen zunächst mit Schweigen begegnen und dadurch Kraft und Ideen schöpfen. In seiner Komfortzone ist er ruhig, nach innen gekehrt, wenig mitteilungsfreudig und gesellig, verschlossen und ernst. Er hat zwar im Laufe der Jahre durch die Arbeit als Lehrer in den Wesenszügen gelernt zu reden, sowie in Kontakt zu anderen zu treten und diese Kontakte zu pflegen. Dieses Verhalten beherrscht er mittlerweile auch gut, aber es kostet ihn sehr viel Kraft und Mühe.

Frau M. ist in ihrer Grundstuktur extrovertiert, das heißt sie ist im Reden zu Hause, löst Anspannung, Stress und Probleme durch Reden. Sie ist von Natur aus gesellig, nach außen gekehrt, hat ein Bedürfnis nach anregender Gesellschaft und Abwechslung und zeigt sich eher spontan und veränderungsfreudig.

>Sie verarbeitet Erlebnisse und Eindrücke des Tages durch Reden und ihr Mann durch Schweigen.

„Ja das stimmt.“ meint Frau M. „Auch jedes Mal, wenn wir uns streiten, werde ich immer lauter und er immer ruhiger. Seine Flucht nach innen macht mich dann so wütend, dass das Gespräch daraufhin  oft eskaliert und er dann gar nichts mehr sagt. Das ist ein furchtbarer Kreislauf. Je mehr ich ihn verbal verfolge, desto mehr zieht er sich zurück und umso ärgerlicher werde ich und versuche ihn noch mehr zu konfrontieren.  Aber was kann ich da machen? Alle Probleme unter den Tisch kehren und nichts mehr bereden will ich aber auch nicht!“

Ich schlage dem Ehepaar M. folgende Verhaltensübungen vor: Wenn Herr M. nach Hause kommt,  darf er sich erstmal erden und ankommen, ohne dass er etwas sagen muss. Je introvertierter der Partner ist, desto mehr braucht er Zeit zum Auftanken und sich zu erholen.  Im Fall des Ehepaars M. empfehle ich eine Auszeit über eine gute Stunde ohne anstrengende Gespräche zu führen. Nach dieser Auszeit darf sie ihm von ihrem Tag erzählen und er bekommt die Aufgabe, ihr auch dann auch aufmerksam zuzuhören und sich am Gespräch zu beteiligen.

Als zweite Übung soll das Paar in den kommenden Wochen im Fall eines sich zuspitzenden Streits das Gespräch vertagen und gemeinsam einen Termin auszumachen, an dem die Probleme nochmals bewegt werden können. Damit hat er die Sicherheit sich konsolidieren zu können und sie weiß, dass die für sie wichtigen Themen nicht unter den Tisch fallen.

Als ich das Paar bei der nächsten Beratungsstunde frage, wie es ihnen mit diesem neuen Setting ergangen sei, bestätigen sie mir, dass sie schon auf einem ganz guten gemeinsamen Weg seien.

Nach dieser Auszeit ist er wirklich neu aufgetankt und wie ausgewechselt.“ Dankbar fügt sie noch hinzu: „Seit diesem Test weiß ich, dass er es mit seinem Schweigen nicht böse gemeint hat, sondern dass es einfach seine Art ist. Das hilft mir am allermeisten!“

© Barbara Spägele – 16.12.2019

Im Rahmen eines Projektes zur Persönlichkeitsentwicklung, das als Angebot für Führungskräfte in einem mittelständischen Unternehmen den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt wurde, entstand eine konkrete Coaching Situation.

Eine junge Frau (Frau G.,26 Jahre) thematisierte im Verlauf des Auswertungsgesprächs, dass sie für eine leitende Position angefragt worden ist. Sie selbst hatte sich noch nicht entschieden, sie war sich unsicher, ob Sie der Anforderung, die so eine Position mit sich bringt, auch wirklich gewachsen ist.

Ich fragte Frau G: „Wovor haben Sie am meisten Angst?“ worauf sie spontan erwiderte: „Ich traue manchmal meinen Gefühlen nicht.“

Nach Auswertung ihres Persönlichkeitsstrukturtests haben wir uns insbesondere die Ausprägungen angeschaut, die etwas über die Leitungskompetenzen von Frau G. aussagen.

Zunächst habe ich das Thema Vulnerabilität in den Wesenszügen angesprochen (Emotionale Schwankung auf 3, Selbstvertrauen auf 10, Innere Ruhe 8). Diese Werte lassen darauf schließen, dass Frau G. über wenig innere Stabilität verfügt und auf der emotionalen Ebene sehr verunsichert ist.

Als zweiter Punkt wurde die Ich-Stärke in den Wesenszügen angesprochen (Soziale Anpassung 4, Zurückhaltung 4, Selbstvertrauen 10). Da eine leitende Position das Führen von Mitarbeitern beinhaltet, braucht es ein gutes Standing, eine mittig bis stark ausgeprägte Ich-Stärke, um Leitung umzusetzen.

Ihr Verhalten wird noch verstärkt durch eine hohe Emotionalität in der Grundstruktur (flexibel 9), d.h. dass es ihr Mühe macht, sich von den eigenen Emotionen ausreichend abzugrenzen. Hinzu kommt noch eine leichte Introvertiertheit von 4. Auch hier wäre eine stärkere Ausprägung in Richtung Extraversion hilfreich, sich anderen Menschen mehr mitzuteilen.

Aus diesen Überlegungen heraus habe ich Frau G. empfohlen, die Leitungsfunktion auf keinen Fall ohne ein begleitendes oder vorgeschobenes Coaching anzunehmen, um an ihrer Resilienz  zu arbeiten.

Es verging ein halbes Jahr und Frau G. befand sich inzwischen in der Leitungsfunktion als sie zu mir in ihrer großen Verzweiflung zurückkam. Ihre ersten Worte waren: „Ich stehe kurz davor, unter der emotionalen Belastung in meiner neuen Stelle zusammenzubrechen. Es gelingt mir einfach nicht, mich anderen gegenüber mehr durchzusetzen.“

Sie hatte jetzt verstanden, was ich ihr in unserem Erstgespräch vermittelt hatte und sie konnte ihre typischen Verhaltensmuster den Ausprägungen in ihrer Persönlichkeit zuordnen. Es war ihr nicht gelungen, in ihren Entscheidungen stetig zu sein und diese auch ihren Mitarbeitern zu vermitteln. Dadurch geriet sie immer wieder in emotionale Schwankungen und erlebte sich als sehr unsicher, was wiederum ihre Ängstlichkeit verstärkte.

Im Rahmen eines sich anschließenden Coachings konnten wir jetzt gemeinsam konkrete Lernprogramme entwickeln. Als erstes sollte es ihr gelingen, sich nicht so sehr von ihren Gefühlen beeinflussen zu lassen und dadurch ihre inneren  Spannungen zu reduzieren. In einem zweiten Schritt haben wir dann daran gearbeitet, die ‚Ich-Stärke‘ von Frau G. zu erhöhen und dabei zu lernen, sich anderen Menschen gegenüber eindrucksvoller ‚zu-behaupten‘. Es gelang ihr mit der Zeit immer besser, ihren Stärken zu vertrauen und sich weniger von ihren Gefühlen beeinflussen zu lassen.

Heute fühlt sich Frau G. in ihrer Führungsrolle und -position wohl. Trotzdem wird sie noch eine gewisse Zeit und Kraft aufwenden müssen, bis sie das neu Erlernte ganz verinnerlicht hat.

© Elke Grapentin – 25.11.2019

 Situationsbeschreibung

Ein Geschäftsführer, 45 Jahre alt, eines kleinen Dienstleistungsunternehmens hatte den Betrieb vor einigen Jahren von seinem Vater übernommen. Schnell war er in die Organisationsabläufe eingearbeitet und er baute das Unternehmen kontinuierlich aus.

Der Vater – obwohl bereits im Ruhestand – konnte sein Geschäft nicht richtig loslassen. Ständig überprüfte er seinen Sohn. Sobald die Tür zum Büro aufging und der Vater vor ihm stand, verwandelte sich der Sohn in einen unscheinbaren und unsicheren Mitarbeiter.

Problemstellung:
Habe ich dir nicht schon immer gesagt, dass du mit diesen modernen Methoden nicht weiterkommst? Wenn du doch nur auf mich hören würdest, wärst du heute schon viel weiter gekommen.“

Solche und andere Sätze trafen den Sohn in seinem Innersten und stellten manchmal auch seinen Selbstwert infrage. Seine Gedanken drehten sich oft im Kreis und er hinterfragte sich, was er denn noch alles besser machen könne. Immer wieder kamen Zweifel auf, ob er in bestimmten Situationen die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Die Geschäftszahlen sahen gut aus, Umsatz und Ertrag stiegen in jedem Jahr an. Neue Produktideen wurden entwickelt, er war auf internationalen Messen gefragt und an innovativen Ideen fehlte es ihm wirklich nicht. So gesehen war der Sohn eigentlich erfolgreich und mit sich zufrieden. Nur der Vater war nie zufrieden und liess ihn das immer wieder wissen.

Als der Sohn in der Beratung dann von der belastenden Beziehung zum übermächtigen Vater berichtete und klagte, wie sehr ihm das zu schaffen machte, war frühzeitig offensichtlich, dass hier wahrscheinlich zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten im Konflikt stehen mussten. Im Rahmen der Diagnostik mit dem PST-R wurde schnell eine Bestätigung für diese Annahme deutlich. So wie der Klient den Vater in seiner Fremdwahrnehmung beschrieben hatte, „sah“ ich ein einen sehr selbstbewussten Mann vor mir, der sich in seinem Leben immer durchgesetzt hatte. Seine Meinung zählte und Widerspruch ließ er meistens nicht zu.

Der Sohn war von klein auf daran gewöhnt und ging der Konfrontation mit dem Vater immer aus dem Weg. Deshalb wunderte es ihn nicht, dass er sich bei der Testauswertung in seinen Wesenszügen auf der Achse „Soziale Anpassung und Selbstbehauptung“ nur mit dem Wert „3“ beschrieben hatte, also jemand, …

der sich schnell den Meinungen anderer Menschen unterordnet, der bereit ist zu dienen und sich anzupassen, ohne dass ihm dabei feindliche Gefühle aufkommen.

Auf meine Frage, wo er auf dieser Achse seinen Vater einordnen würde, sah er dieses Persönlichkeitsmerkmal seines Vaters diametral auf der gegenüberliegenden Seite. D.h. der Vater wurde von ihm als ein Mensch mit einer hohen Selbstbehauptung wahrgenommen, also jemand, …

der mit einer hohen „Ichstärke“ auftritt, der sich selbstbewusst und unnachgiebig zeigt, der sich nicht so leicht etwas gefallen lässt und seine Entscheidungen auch gegen den Widerstand anderer Menschen durchsetzt.

Ich bat meinen Klienten zu beschreiben, welche Konsequenzen zwei so gegensätzliche Verhaltensmerkmale in einer Beziehung haben würden. Darauf sagte er spontan: „Wenn Soziale Anpassung auf Selbstbehauptung trifft, bist du immer nur der Verlierer!“

Es schien auf den Punkt gebracht, als ob mein Klient diesen Satz zu seinem Lebensmotto gemacht hatte. In seiner Persönlichkeit war er ein deutlich warmherziger und sehr einfühlsamer Mensch, der sich gut in andere hineinversetzen und dadurch auch sehr schnell ein Vertrauensverhältnis zu diesen aufbauen konnte. Seine Kunden, seine Mitarbeiter und auch viele in seiner Gemeinde schätzten ihn und waren gerne mit ihm zusammen. Aber, jedes Mal wenn sein Vater ins Büro kam, beschlich ihn ein seltsames Gefühl, dass er schon wieder alles falsch gemacht hatte.

Beratungsansatz

Mit der Betrachtung von diesen beiden unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen ‚Soziale Anpassung‘ und ‚Selbstbehauptung‘ in den Wesenszügen wurde ihm sehr schnell klar, woran er arbeiten müsste, um u.a. seinem Vater gegenüber mehr Selbstbehauptung entwickeln zu können.

Drei Schritte wurden in der Beratung ausgearbeitet, an die er sich in jeder neuen Konfliktsituation erinnern soll:

  1. Jedes Mal, wenn sein Vater ein scheinbar vernichtendes Urteil über seine Leistung ausspricht, will er dieses nicht als eine Bewertung seiner Person sehen, sondern als eine „subjektive Wahrnehmung“ eines anderen. Weil diese Bewertung eben nicht der objektiven Wahrheit entsprechen kann, (ist die Macht des väterlichen Urteils abgeschwächt), der Klient fühlt sich befreit und muss sich nicht mehr als Verlierer fühlen. Er ändert also seine innere Einstellung zu der Kritik eines anderen.
  2. Der Sohn beschließt, in Zukunft seine Meinung gegenüber seinem Vater deutlicher zu vertreten, weil er als Erwachsener dazu in der Lage ist. Er kann sich auf den Erfolg des Unternehmens unter seiner Führung berufen, über Schritte im Wandel in der Unternehmenskultur und neue Lösungen für Kunden berichten… Dadurch begegnet er dem Vater ‚auf Augenhöhe‘. Wenn der Sohn durch hohe soziale Anpassung bisher vom Vater als Verlierer wahrgenommen wurde, wird dieser die sich neu entwickelnde Selbstbehauptung des Sohnes als eine neue Stärke erkennen. Dies wird die Dynamik in der Beziehung von Sohn und Vater positiv verändern.
  3. Auch wenn er es seinem Vater nicht immer recht machen kann (und nicht recht machen muss!), wird er mögliche Konflikte auf der Sachebene einordnen lernen: beide dürfen unterschiedlicher Meinung sein! Der Sohn muss sich dabei nicht in seiner Persönlichkeit bzw. in seinem Denken über sich selbst angegriffen fühlen.

Verhaltensänderungen an einem selbst brauchen manchmal nur ein Verstehen der eigenen Wesenszüge und von seinem Gegenüber. Bereits mit veränderten Einstellungen kann man erste Erfolge erzielen. Mein Klient hat dieses in seinem Alltag erlebt, der Vater poltert manchmal immer noch, wenn er mit Kritik zu ihm kommt, aber die negative Wirkung auf seinen Sohn läßt nach.

© Ben Vaske – 30.10.2019

Herr G., Schuldirektor, 54 Jahre alt, seit 30 Jahren verheiratet, 3 Kinder, kommt mit seiner Frau in die Beratung und versteht die Welt nicht mehr. Nach all der langen Zeit einer glücklichen Ehe will sich seine Frau plötzlich von ihm scheiden lassen. Natürlich habe er gemerkt, dass es ihr in den letzten Monaten nicht so gut ging aber seine Frau habe schon immer unter Stimmungsschwankungen gelitten, das gehörte schon von Anfang an zu seiner Ehe.  Aufgrund ihrer zurückhaltenden und unsicheren Art habe er sich seit Beginn seiner Ehe um alles gekümmert. Wann und wie viele Kinder sie haben wollten, wo sie wohnten und arbeiteten – insgesamt, wie das gemeinsame Leben auszusehen habe. Er gehe zur Arbeit und sie kümmere sich um Haus und Kinder. Und es war all die Jahre gut so.

Seine Frau sagte in dieser ersten Beratungsstunde nicht viel. Sie weinte nur.

Nach meiner Eingangsdiagnostik mit Hilfe des Persönlichkeitsstrukturtests stellten sich bei den Ehepartnern folgende signifikante Unterschiede heraus:

  • Grundstruktur:
    Er ist extravertiert (8), sie ausgeprägt introvertiert (1).

  • Tiefenstruktur:
    Beide sind korrekt(2), er aber sachlich (2) und sie eher warmherzig (7).

  • Wesenszüge:
    Er zeichnet sich durch eine ausgeprägte Unabhängigkeit (10) sowie Selbstbehauptung (10) aus. Ihr Test zeigt eine äußerst geringe Ausprägung betreffend ihrer Unabhängigkeit (1) und Selbstbehauptung (3).

Zusammen mit dem Ehepaar interpretierte ich den Test mit folgendem Ergebnis:
Bedingt durch seine hohe (Menschen-) Unabhängigkeit und Selbstbehauptung, setzt sich Herr G. in den meisten Stationen und Entscheidungen in der Ehe durch, ungeachtet, was seine Frau benötigt oder möchte. Da sie zusätzlich sehr introvertiert und sozusagen „im Schweigen zu Hause ist“, wird sie mit ihm als dominanten und wortgewandten Gegner kaum in der Lage sein sich mit ihm auseinandersetzen zu können. Hinzu kommt, bedingt durch ihre Warmherzigkeit, ihr großes Harmoniebedürfnis, welches das Problemverhalten noch verstärkt. Über die Ohnmacht sich nicht behaupten zu können ist sie über die Jahre in eine Depression gefallen, die sie jetzt veranlasst sich aus der Beziehung zurückzuziehen.

Frau G. fühlte sich durch das Ergebnis des Persönlichkeitstest  zum ersten Male  verstanden: „Ich finde zum ersten Mal in meinem Leben passende Worte, um meinem Schmerz einen Namen zu geben und mich nicht dahinter zu verstecken.“ Sie schöpfte daraus neuen Mut und taute förmlich auf.

Ihr Ehemann wiederum zeigte sich irritiert und erleichtert zugleich: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt? Ich dachte immer, es sei alles gut!“

Es begann ein auf das Testergebnis abgestimmtes Lernprogramm  mit dem Fokus jeweils mehr auf den Partner einzugehen und gemeinsame Wege zu finden.

Dies ist nun über ein Jahr her und beide haben in der Zwischenzeit große Lernfortschritte erzielt. Als ich neulich Frau G. fragte, wie sie ihre Ehe heute bewerten würde, antwortete sie mir mit einem erleichterten Lächeln „Vor einem Jahr gab ich unserer Ehe noch 10 von 100 Punkten. Heute gebe ich 75.“

(Barbara Spägele, 09.09.2019)

Eine leistungsorientierte Persönlichkeit – im Abseits !

Warum verstehen mich die Menschen nicht, wenn ich sie von meinen Ideen überzeugen  möchte?

Herr M, ein Mitarbeiter in Leitungsposition stellte sich diese Frage immer wieder, warum es ihm nicht gelingt, seine gut durchdachten und innovativen Strategien im Konsens mit anderen umzusetzen. Auf der einen Seite investiert er sehr viel Zeit, neue Konzepte für den Vertrieb zu entwickeln, Geschäftspartner von seinen Vorschlägen zu überzeugen und genießt dabei auch noch das Vertrauen seiner Geschäftsleitung, weil er sich dem Unternehmenserfolg verpflichtet fühlt. Andererseits erlebt er bei der Umsetzung seiner Ideen Widerstand bei den Mitarbeitern und zum Teil auch bei den Geschäftspartnern, mit denen er Kooperationen eingehen will.

In der Beratung fragte er mich, wie er mit diesem Frust um mangelnde Erfolgserlebnisse umgehen soll. Wir haben uns daraufhin sein Persönlichkeitsprofil mit einer PST-R Auswertung angeschaut und kamen zu den folgenden Erkenntnissen:

         In der Zusammenfassung der Einzelheiten zu den Wesenszügen, also für andere leicht erkennbar, beschreibt sich Herr M. als ein unternehmerischer und kreativer Mensch, der das Neue sucht (Unkonventionalität 8) und der andere Menschen leicht von seinen Ideen überzeugen kann (Begeisterungsfähigkeit 9). Er vertritt dabei eine klare Meinung, die er seinen Zielen verpflichtend auch gegenüber andere Menschen unter schwierigen Situationen durchsetzen kann (Selbstbehauptung und Selbstsicherheit 8).

So gesehen hat dieser Mitarbeiter in seiner Persönlichkeitsstruktur eigentlich alle wichtigen Voraussetzungen, um für ein Unternehmen neue Kundenkreise zu werben und diese von seinen Produkten und Dienstleistungen zu überzeugen. Warum gelingt es ihm dennoch nicht?

Wir schauten uns daraufhin zwei weitere Ausprägungen in seinem Persönlichkeitsprofil an, die uns Erkenntnisse über die ihm entgegengebrachten Widerstände geben sollten.

Herr M. beschreibt sich in seinem Profil mit einer geringen Ausprägung in seiner Sensibilität, wird von anderen Menschen also deutlich mehr in seiner Robustheit (3) wahrgenommen.

Nachdem ich ihm die Unterschiede zwischen diesen beiden Polen aufgezeigt hatte, bat ich ihn, mir dieses Verhaltensmuster in seinen eigenen Worten zu erklären und wie er dieses konkret in seinem Alltag erlebt. Er hat mir seine Überlegungen dazu wie folgt beschrieben:

Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann packe ich diese einfach an und überlege nicht lange hin und her ob da auch all anderen mit einverstanden sind. Ich habe mir ja bereits genügend Gedanken darüber gemacht und bin mir ziemlich sicher, dass es so funktionieren wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Und wenn dann mal jemand nicht damit einverstanden ist, dann habe ich damit ja auch kein Problem.“

Ich fragte ihn anschließend, mal zu überlegen, wie die Menschen in seinem Umfeld seinen gut gemeinten und sachlich fundierten Ehrgeiz wahrnehmen könnten, worauf er mir die folgende Antwort gab:

Also wenn ich ehrlich bin, dann könnte ich mir vorstellen, dass ich manchen Menschen zu sehr auf die Füße trete und mich nicht genügend in ihre Gedanken und Interessen hineinversetze – Pause – das sagt mir meine Frau übrigens auch immer wieder ! Ich bin da wohl manchmal zu schnell.“

Nach dieser von mir geleiteten Selbstwahrnehmung wurde Herrn M. dann sehr schnell bewusst, wie ein Förderprogramm für ihn aussehen könnte. Offensichtlich empfinden ihn manche Menschen aufgrund seiner hohen Ausprägung in der Robustheit als wenig empathisch. Wenn es aber darum geht, diese für eine Sache zu gewinnen, muss Herr M. lernen, die Gedanken und Gefühle seines Gegenübers besser zu erkennen und darauf einzugehen bevor er seine Pläne eigenständig umsetzt. Mit diesem Verhalten kann er Menschen viel effektiver für seine Ideen gewinnen indem er sie in seine Überlegungen mit einbezieht.

Interessant dabei auch sein Resüme nach der Beratung: „das werde ich jetzt mal häufiger mit meiner Frau üben!

Ein leistungsorientierter Mensch, der nicht verstehen konnte, warum seine hohe Kreativität und sein unternehmerisches Denken immer wieder von anderen ausgebremst wurden, entdeckte für sich auf einmal ganz neue Ressourcen in seinem Verhalten aufgrund dieser Gegenüberstellung von einer geleiteten Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Für die Beratungspraxis will ich abschließend noch darauf hinweisen, dass eine hohe Ausprägung, so wie in diesem Fall bei der Robustheit, nicht immer eine Schwäche sein muss. Es gibt durchaus Berufe oder Situationen, in denen es hilfreich sein kann, sich von den Gefühlen anderer Menschen abzugrenzen. Dieses gilt es in der Eingangsdiagnostik zu klären, welche Verhaltensmuster am besten zu einer Stellenbeschreibung passen. Wenn diese zwei gut aufeinander abgestimmt sind, wird es vielen Menschen deutlich besser gelingen, gute Beziehungen am Arbeitsplatz oder auch in der Gemeinde zu gestalten.

© Ben Vaske – 08.08.2019

Eine Ehe (-vorbereitung) kurz vor dem Aus

„Wir haben im letzten halben Jahr mehr miteinander gestritten, als in den 8 Jahren, die wir uns kennen.“

Ein junges Ehepaar bereitet ihre Hochzeit vor und hat viele Entscheidungen zu treffen. Dabei geraten sie immer häufiger aneinander und fragen sich, ob sie denn noch wirklich zueinander passen. In dieser dramatischen Situation kommen sie in die Beratung und suchen Hilfe.

Um mir einen besseren Einblick in ihre Verhaltensweisen zu ermöglichen, bitte ich sie, den Persönlichkeitsstrukturest durchzuführen, dem sie auch gleich zugestimmt haben. Dabei stellt sich heraus, dass sie ihre größten Unterschiede in der Tiefenstruktur erleben. Auf der Achse ‚sachlich-warmherzig‘ beschreibt sie sich mit 2, während er sich bei 6 wiederfindet. Auf der Achse ‚korrekt-unkonventionell‘ befinden sich beide bei 3.

Der Test zeigt hier also sehr schnell, dass sie ihre größten Herausforderungen auf der Nähe-Distanz Ebene erleben.
Sie, eine gute Beobachterin und in ihren Gedanken(spielen) nichts dem Zufall überlassend, strebt nach so viel Unabhängigkeit wie möglich.
Er, in einer sich aufopfernden und dienenden Haltung, meidet den Konflikt in Auseinandersetzungen und sucht über alles andere nach einer harmonischen Beziehung, auch wenn er sich selbst dabei ein stückweit aufgeben muss.

Nachdem ich den beiden diesen Unterschied in ihrer Tiefenstruktur erklärt hatte, bat ich sie, mir ein Beispiel aus ihrem Alltag zu geben, wo sie diese Ausprägungen in ihrer Persönlichkeit möglicherweise erleben. Sie sprechen jetzt insbesondere über Entscheidungen, die bei der Hochzeitsvorbereitung anstehen.
Sie führt an, dass sie sich über viele Sachen Gedanken macht, diese bis ins letzte Detail plant wie es am besten funktionieren könnte und teilt ihm dann das Ergebnis mit. Ihre Motivation dabei ist, ihm Arbeit abzunehmen und es ihm leicht zu machen, Ihrer Entscheidung zuzustimmen. So gesehen zeigt sie sich relativ unabhängig und bezieht ihn in ihren Überlegungen nicht wirklich mit ein.

Er fühlt sich nach mehreren solcher Entscheidungen ihrerseits übergangen und hilflos, weil er gar nicht weiß, mit welchem Thema sie sich gerade beschäftigt. Wenn sie ihn nicht einlädt, an ihren Gedankenspielen schon früher teilzuhaben bevor sie eine Entscheidung trifft, kommt für ihn jeder Vorschlag wie ein unumkehrbarer Entschluss zu dem es dann keine Alternative mehr gibt. Im Grunde will er ihr vertrauen, dass sie schon alles richtig macht, scheut aber den Konflikt, ein Thema ernsthaft und gemeinsam zu diskutieren.

Sie erkennen beide, dass sie im Alltag aus ihrer individuellen Tiefenstruktur heraus ihre Gedanken auf den Partner ‚projizieren‘ ohne zu verstehen, wie der andere wirklich denkt. Im Ergebnis sind dann beide enttäuscht, weil sie keinen gemeinsamen Beschluss fassen können.
Auf die Frage, wie sie im Alltag besser miteinander umgehen könnten, bemerkte sie sehr schnell: „Dann will ich versuchen (aus meinem Streben nach Unabhängigkeit heraus), dich früher in meine Gedanken einzubinden, damit du weißt, was mich gerade beschäftigt und du kannst mir deine Meinung dazu sagen.“
Für ihn wurde es andererseits auch schnell klar, dass er sein Harmoniebedürfnis dabei manchmal aufgeben muss und ihr deutlicher mitteilt, was er eigentlich will um dadurch schon viel früher zu einer gemeinsamen Schnittmenge zu kommen, bevor ihre Entscheidung in eine ganz bestimmte Richtung geht. Er hat sich (in seiner Abhängigkeit ihr gegenüber) viel zu oft zurückgehalten und sich immer hintenan gestellt, in der Hoffnung, es wird schon….bis es zur nächsten Konfrontation kam.
So gesehen konnten beide nach bereits zwei Gesprächen ganz konkrete Hausaufgaben für sich entwickeln, wie sie sich im Alltag besser begegnen und sich anbahnende Konflikte aufgrund ihrer unterschiedlichen Tiefenstruktur entschärfen können.

Beide waren überzeugt, dass die Hochzeitsvorbereitungen nun weniger stressbeladen sein werden.

© Ben Vaske – 29.06.2019

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