Fallbeschreibungen aus der Beratungspraxis

Eine leistungsorientierte Persönlichkeit – im Abseits !

Warum verstehen mich die Menschen nicht, wenn ich sie von meinen Ideen überzeugen  möchte?

Herr M, ein Mitarbeiter in Leitungsposition stellte sich diese Frage immer wieder, warum es ihm nicht gelingt, seine gut durchdachten und innovativen Strategien im Konsens mit anderen umzusetzen. Auf der einen Seite investiert er sehr viel Zeit, neue Konzepte für den Vertrieb zu entwickeln, Geschäftspartner von seinen Vorschlägen zu überzeugen und genießt dabei auch noch das Vertrauen seiner Geschäftsleitung, weil er sich dem Unternehmenserfolg verpflichtet fühlt. Andererseits erlebt er bei der Umsetzung seiner Ideen Widerstand bei den Mitarbeitern und zum Teil auch bei den Geschäftspartnern, mit denen er Kooperationen eingehen will.

In der Beratung fragte er mich, wie er mit diesem Frust um mangelnde Erfolgserlebnisse umgehen soll. Wir haben uns daraufhin sein Persönlichkeitsprofil mit einer PST-R Auswertung angeschaut und kamen zu den folgenden Erkenntnissen:

         In der Zusammenfassung der Einzelheiten zu den Wesenszügen, also für andere leicht erkennbar, beschreibt sich Herr M. als ein unternehmerischer und kreativer Mensch, der das Neue sucht (Unkonventionalität 8) und der andere Menschen leicht von seinen Ideen überzeugen kann (Begeisterungsfähigkeit 9). Er vertritt dabei eine klare Meinung, die er seinen Zielen verpflichtend auch gegenüber andere Menschen unter schwierigen Situationen durchsetzen kann (Selbstbehauptung und Selbstsicherheit 8).

So gesehen hat dieser Mitarbeiter in seiner Persönlichkeitsstruktur eigentlich alle wichtigen Voraussetzungen, um für ein Unternehmen neue Kundenkreise zu werben und diese von seinen Produkten und Dienstleistungen zu überzeugen. Warum gelingt es ihm dennoch nicht?

Wir schauten uns daraufhin zwei weitere Ausprägungen in seinem Persönlichkeitsprofil an, die uns Erkenntnisse über die ihm entgegengebrachten Widerstände geben sollten.

Herr M. beschreibt sich in seinem Profil mit einer geringen Ausprägung in seiner Sensibilität, wird von anderen Menschen also deutlich mehr in seiner Robustheit (3) wahrgenommen.

Nachdem ich ihm die Unterschiede zwischen diesen beiden Polen aufgezeigt hatte, bat ich ihn, mir dieses Verhaltensmuster in seinen eigenen Worten zu erklären und wie er dieses konkret in seinem Alltag erlebt. Er hat mir seine Überlegungen dazu wie folgt beschrieben:

Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann packe ich diese einfach an und überlege nicht lange hin und her ob da auch all anderen mit einverstanden sind. Ich habe mir ja bereits genügend Gedanken darüber gemacht und bin mir ziemlich sicher, dass es so funktionieren wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Und wenn dann mal jemand nicht damit einverstanden ist, dann habe ich damit ja auch kein Problem.“

Ich fragte ihn anschließend, mal zu überlegen, wie die Menschen in seinem Umfeld seinen gut gemeinten und sachlich fundierten Ehrgeiz wahrnehmen könnten, worauf er mir die folgende Antwort gab:

Also wenn ich ehrlich bin, dann könnte ich mir vorstellen, dass ich manchen Menschen zu sehr auf die Füße trete und mich nicht genügend in ihre Gedanken und Interessen hineinversetze – Pause – das sagt mir meine Frau übrigens auch immer wieder ! Ich bin da wohl manchmal zu schnell.“

Nach dieser von mir geleiteten Selbstwahrnehmung wurde Herrn M. dann sehr schnell bewusst, wie ein Förderprogramm für ihn aussehen könnte. Offensichtlich empfinden ihn manche Menschen aufgrund seiner hohen Ausprägung in der Robustheit als wenig empathisch. Wenn es aber darum geht, diese für eine Sache zu gewinnen, muss Herr M. lernen, die Gedanken und Gefühle seines Gegenübers besser zu erkennen und darauf einzugehen bevor er seine Pläne eigenständig umsetzt. Mit diesem Verhalten kann er Menschen viel effektiver für seine Ideen gewinnen indem er sie in seine Überlegungen mit einbezieht.

Interessant dabei auch sein Resüme nach der Beratung: „das werde ich jetzt mal häufiger mit meiner Frau üben!

Ein leistungsorientierter Mensch, der nicht verstehen konnte, warum seine hohe Kreativität und sein unternehmerisches Denken immer wieder von anderen ausgebremst wurden, entdeckte für sich auf einmal ganz neue Ressourcen in seinem Verhalten aufgrund dieser Gegenüberstellung von einer geleiteten Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Für die Beratungspraxis will ich abschließend noch darauf hinweisen, dass eine hohe Ausprägung, so wie in diesem Fall bei der Robustheit, nicht immer eine Schwäche sein muss. Es gibt durchaus Berufe oder Situationen, in denen es hilfreich sein kann, sich von den Gefühlen anderer Menschen abzugrenzen. Dieses gilt es in der Eingangsdiagnostik zu klären, welche Verhaltensmuster am besten zu einer Stellenbeschreibung passen. Wenn diese zwei gut aufeinander abgestimmt sind, wird es vielen Menschen deutlich besser gelingen, gute Beziehungen am Arbeitsplatz oder auch in der Gemeinde zu gestalten.

(Ben Vaske – 08.08.2019)

Eine Ehe (-vorbereitung) kurz vor dem Aus

„Wir haben im letzten halben Jahr mehr miteinander gestritten, als in den 8 Jahren, die wir uns kennen.“

Ein junges Ehepaar bereitet ihre Hochzeit vor und hat viele Entscheidungen zu treffen. Dabei geraten sie immer häufiger aneinander und fragen sich, ob sie denn noch wirklich zueinander passen. In dieser dramatischen Situation kommen sie in die Beratung und suchen Hilfe.

Um mir einen besseren Einblick in ihre Verhaltensweisen zu ermöglichen, bitte ich sie, den Persönlichkeitsstrukturest durchzuführen, dem sie auch gleich zugestimmt haben. Dabei stellt sich heraus, dass sie ihre größten Unterschiede in der Tiefenstruktur erleben. Auf der Achse ‚sachlich-warmherzig‘ beschreibt sie sich mit 2, während er sich bei 6 wiederfindet. Auf der Achse ‚korrekt-unkonventionell‘ befinden sich beide bei 3.

Der Test zeigt hier also sehr schnell, dass sie ihre größten Herausforderungen auf der Nähe-Distanz Ebene erleben.
Sie, eine gute Beobachterin und in ihren Gedanken(spielen) nichts dem Zufall überlassend, strebt nach so viel Unabhängigkeit wie möglich.
Er, in einer sich aufopfernden und dienenden Haltung, meidet den Konflikt in Auseinandersetzungen und sucht über alles andere nach einer harmonischen Beziehung, auch wenn er sich selbst dabei ein stückweit aufgeben muss.

Nachdem ich den beiden diesen Unterschied in ihrer Tiefenstruktur erklärt hatte, bat ich sie, mir ein Beispiel aus ihrem Alltag zu geben, wo sie diese Ausprägungen in ihrer Persönlichkeit möglicherweise erleben. Sie sprechen jetzt insbesondere über Entscheidungen, die bei der Hochzeitsvorbereitung anstehen.
Sie führt an, dass sie sich über viele Sachen Gedanken macht, diese bis ins letzte Detail plant wie es am besten funktionieren könnte und teilt ihm dann das Ergebnis mit. Ihre Motivation dabei ist, ihm Arbeit abzunehmen und es ihm leicht zu machen, Ihrer Entscheidung zuzustimmen. So gesehen zeigt sie sich relativ unabhängig und bezieht ihn in ihren Überlegungen nicht wirklich mit ein.

Er fühlt sich nach mehreren solcher Entscheidungen ihrerseits übergangen und hilflos, weil er gar nicht weiß, mit welchem Thema sie sich gerade beschäftigt. Wenn sie ihn nicht einlädt, an ihren Gedankenspielen schon früher teilzuhaben bevor sie eine Entscheidung trifft, kommt für ihn jeder Vorschlag wie ein unumkehrbarer Entschluss zu dem es dann keine Alternative mehr gibt. Im Grunde will er ihr vertrauen, dass sie schon alles richtig macht, scheut aber den Konflikt, ein Thema ernsthaft und gemeinsam zu diskutieren.

Sie erkennen beide, dass sie im Alltag aus ihrer individuellen Tiefenstruktur heraus ihre Gedanken auf den Partner ‚projizieren‘ ohne zu verstehen, wie der andere wirklich denkt. Im Ergebnis sind dann beide enttäuscht, weil sie keinen gemeinsamen Beschluss fassen können.
Auf die Frage, wie sie im Alltag besser miteinander umgehen könnten, bemerkte sie sehr schnell: „Dann will ich versuchen (aus meinem Streben nach Unabhängigkeit heraus), dich früher in meine Gedanken einzubinden, damit du weißt, was mich gerade beschäftigt und du kannst mir deine Meinung dazu sagen.“
Für ihn wurde es andererseits auch schnell klar, dass er sein Harmoniebedürfnis dabei manchmal aufgeben muss und ihr deutlicher mitteilt, was er eigentlich will um dadurch schon viel früher zu einer gemeinsamen Schnittmenge zu kommen, bevor ihre Entscheidung in eine ganz bestimmte Richtung geht. Er hat sich (in seiner Abhängigkeit ihr gegenüber) viel zu oft zurückgehalten und sich immer hintenan gestellt, in der Hoffnung, es wird schon….bis es zur nächsten Konfrontation kam.
So gesehen konnten beide nach bereits zwei Gesprächen ganz konkrete Hausaufgaben für sich entwickeln, wie sie sich im Alltag besser begegnen und sich anbahnende Konflikte aufgrund ihrer unterschiedlichen Tiefenstruktur entschärfen können.

Beide waren überzeugt, dass die Hochzeitsvorbereitungen nun weniger stressbeladen sein werden.

(Ben Vaske – 29.06.2019)