IMPULSE ZU DEN WOCHENLOSUNGEN 2021

„Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)

„Manchmal verstärkt mein Glaube meine Not sogar. Mir vorzustellen, dass Jesus da ist, in meiner Not, und nicht hilft, obwohl er allmächtig ist, dass ist für mich in solchen Situationen kaum aushaltbar.“

Das sagte vor kurzem eine Ratsuchende in meiner Beratung. Wut, aber vor allem Enttäuschung über vorenthaltene Liebe. „Warum lässt Gott meine Not zu, wenn er doch einfach nur mit den Fingern schnipsen müsste, und wahrscheinlich noch nicht einmal das?“

Aus solchen Sätzen klingt ein tiefes Vertrauen mit, aber auch ein verzweifeltes Unverständnis über Gottes Liebe.

Der Wochenspruch gibt Auskunft über eine Liebessprache Gottes. Gott macht in Jesus Christus den Weg frei, zu einer ungehinderten und uneingeschränkten Kommunikation mit ihm. Nicht unser Leid ist das Grundübel, sondern unsere Sünde, die uns trennt von Gott. Hier setzt Gott mit seiner Liebe an.

Gott bringt den Himmel auf die Erde, alle Barrieren und Hindernisse sind beseitigt.

Haben wir dadurch den „Himmel auf Erden“? Ja und nein!

Nein, weil nicht alles „gut“ ist. Krankheit, Krieg, Streit und Not bestimmen immer noch teilweise unser Leben. Ein Leben auf „Wolke sieben“ sieht anders aus. Die Not scheint irgendwie zu unserem Leben dazuzugehören. Sie ist Ausdruck unserer gefallenen Welt und ist für uns kaum aushaltbar.

Und Ja, weil ich durch und in Jesus Christus schon im Himmel angekommen bin. Nicht mein notvolles Erleben hat das letzte Wort, sondern Gott, der in seiner Liebe unser Heil vollendet hat. Nichts kann uns mehr trennen von seiner Liebe. Trotz und in meiner Verzweiflung, trotz und in meiner Sünde, begegnet mir Gott. Mein Alleinsein hat ein Ende. Ich bin ein errettetes Kind Gottes, des Höchsten. Und das schon hier, mit meinem Leben, mitten in aller Unvollkommenheit.

Gott hat die Welt überwunden, die Sünde und den Tod. Und Ja: Ich habe weiterhin Angst, ich sündige weiter, und Leid und Sterben gehören zu meinem Leben und gehörten auch zum Leben von Jesus Christus. Was sich verändert hat, dass nicht mehr das Leid und meine Sünde mein Ansprechpartner sind, sondern ich kann mit dem Leid und meiner Sünde zu Gott kommen und um Heilung und Vergebung bitten.

Gott ist da – Gott ist hier – Gott ist bei mir!!!

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. (1.Joh.3,8 b)

In diesen Wochen vor Ostern führt unser Text uns Jesu Auftrag vor Augen. Er, der Sohn Gottes bietet dem Gegenspieler die Stirn und besiegt ihn durch seinen Tod am Kreuz. Betrachten wir den Anfang des Verses mit, so heißt es: Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Wer ist der Teufel und was sind seine Werke? – Der Teufel, Satan oder Fürst dieser Welt wird von Jesus als Mörder und Vater der Lüge bezeichnet (Joh.8,44: „…Er war von Anbeginn an ein Mörder und hat die Wahrheit immer gehasst. In ihm ist keine Wahrheit. Wenn er lügt, entspricht das seinem Wesen, denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“) Im Griechischen steht für Teufel das Wort „Diabolos“, das mit Verleumder und Widersacher übersetzt werden kann. Sein Ziel ist es, Misstrauen und Zwietracht zu säen und Menschen von Gott zu trennen. Wenn wir im Sinne der Allgemeinen Beratung, Psychotherapie und Seelsorge (ABPS) danach fragen, woher das Leiden im Leben eines Menschen in spiritueller Hinsicht kommt, so sind wir uns bewusst, dass der Diabolos Menschen verführen will. – Gott, der uns Menschen das Leben und eine lebenserhaltende Ordnung geschenkt hat, will für uns das Beste. Er möchte, dass es uns und unsern Mitmenschen gut geht. Der Teufel will uns durcheinanderbringen. Er lockt uns mit seinen Lügen, Gottes Ordnungen und damit auch die Gottesnähe zu verlassen. (in der Versuchungsgeschichte nachzulesen: 1. Mose 2,17 und 1. Mose 3,4).

Die Bibel nennt das Leben, das an Gott vorbeigeht, Sünde. Gerade in der Frage der Sünde braucht es Klarheit, weil Gott Sünde sehr ernstnimmt. Ich erinnere nochmals an den Anfang unsres Bibelworts (1. Joh.3, 8a) Sünde trennt von Gott und hat den Tod zur Folge. Deshalb ist es für Seelsorger wichtig, Gottes Wort zu kennen und der Versuchung zu widerstehen, Sünde in irgendeiner Form zu verharmlosen. Seelsorger sollen sich an dieser Stelle wirklich um die Seele des Ratsuchenden sorgen. Jesus will die Werke des Teufels zerstören. Es ist seelsorgerliche Aufgabe, die Wahrheit in Klarheit und Liebe zu sagen, wenn Christen von Verhalten erzählen, dass sich gegen Gott und damit ganz oft gegen die Menschen in ihrem Umfeld richtet. Pneumatische Hilfestellung bedeutet in diesem Zusammenhang, Menschen wieder auf Jesu Erlösungswerk hinzuweisen und sie zur Umkehr einzuladen.

Das alte Kirchenlied „Jesus ist kommen Grund ewiger Freude“ führt in den Strophen 2 und 3 Jesu Erlösungswerk deutlich vor Augen

  1. Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei.
    Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
    bringet zu Ehren aus Sünde und Schande; Jesus ist kommen, nun springen die Bande.
  2. Jesus ist kommen, der starke Erlöser, bricht dem gewappneten Starken ins Haus,
    sprenget des Feindes befestigte Schlösser, führt die Gefangenen siegend heraus.
    Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser.

 „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Luk 18,31)

Warum muss denn dieses Leiden sein?
Am liebsten wäre es uns, wir könnten ungeschoren durchs Leben kommen, Leid, Schmerz, Trauer und Tränen würden uns verschonen.

Was Jesus in seiner 3. Leidensankündigung den Jüngern eröffnet, geht in ihren Kopf nicht rein, es bleibt ihnen unverständlich. Jesus kündigt an, was kurz darauf passieren wird: Menschen werden ihre ganze Phantasie nur dazu einsetzen, ihn zu zerstören. Grausam, so eine Vision. Aber es wird nicht bei der Zerstörung bleiben, Gott ist nicht zu zerstören. Christus wird nach drei Tagen auferstehen. Er wird die Versöhnung für unsere Gottesferne vollenden. Auch diese gewaltige Vision geht nicht in den Kopf der Jünger.

Warum muss denn dieses Leiden sein?

Auch in unsern Köpfen ist eine Vorstellung von einem Gott, der doch nicht zulassen kann, dass wir Leid und Schmerz ertragen müssen. Und wenn es uns trifft, ist es schnell vorbei mit unserm Vertrauen. Er muss uns doch diese harten Proben ersparen! Oder?

Ratlos, zweifelnd und unsicher stehe ich vor meinem Elend, wenn es mich trifft. „Mein  Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ so bete ich automatisch. Solche Glaubensproben müssen die Jesus-Nachfolger von damals – und wir als Jesus-Nachfolger – durchstehen. Solche Glaubensproben müssen unsere Ratsuchenden durchstehen.

Warum muss denn dieses Leiden sein?

Die Auflösung des Unverständnisses für das göttliche Walten sieht Jesus in der vordergründigen Weltsicht seiner Freunde. Als Jesus mit ihnen nach Emmaus wandert, fordert er sie auf, eine neue Sicht zu erlangen: da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn (Luk 24,31).

Manchmal werden uns – mitunter nach langen finstern Tälern – die Augen geöffnet: Und sie erkannten ihn. Können wir  im Tränental mit Philpp Spitta singen?

 „Was böse scheint, ist gut gemeint
er ist doch nimmermehr mein Feind
und gibt nur Liebesschläge.“ (EG 374, 4)

Heute, wenn er seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebräer 3, 15)

Diese Mahnung taucht im Hebräerbrief zweimal auf und erinnert an ein Geschehen, das bei Abfassen des Briefes ca. 1300 Jahre zurückliegt (2.Mose 17,1 ff.): Das Volk Gottes ist auf der Wanderung von Ägypten durch die Wüste in das versprochene Land. Die Wüste ist kein „Schlaraffenland“. Genauso wenig wie das Leben in dieser Zeit und Welt bereits der versprochene Himmel ist.

Da kommt der Gedanke an ‚Lockdown‘ und Corona-Virus auf… Ein Jahr ist es her, dass das öffentliche Leben erst einmal stillstehen musste. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass im Januar 2020 erwartet wurde, dass der ‚Kelch‘ an uns Europäer, zumindest an uns Deutschen vorübergehe. Und wir sind ja recht gut durch die erste Welle gekommen. Wir Deutschen wurden sogar bewundert dafür. Manche Länder beneideten uns um unsere Regierung und unsere Kanzlerin.

Das Volk Gottes damals hat Durst. Es fehlt ihm an Wasser. Es jammert und klagt Mose an: „Warum hast du uns aus Ägypten geführt?“.  Mose hat den Durchblick, es ist kein Angriff gegen ihn ist selbst, sondern eine Herausforderung, eine Provokation Gottes („Versuchung“).

Könnten nicht auch heute in Corona-Zeiten Angriffe gegen Politiker, Regierungen, Verwaltungen und Unternehmen in Deutschland und Europa nur vordergründig sein? Ein Hadern mit Gott?

Mose geht weder in eine Verteidigungshaltung noch in einen Gegenangriff über. Er wendet sich an Gott selbst. Und Gott hilft. Er gibt dem Volk Wasser: durch Mose. Am Ende bekommt der Ort des Geschehens noch einen besonderen Namen: „Massa und Meriba“, d.h. Hadern und Versuchen. Der Schreiber des Hebräerbriefes verbindet den Namen des Ortes mit dem Begriff „Verbitterung“.

Wie viele Menschen sind verbittert. Oder folgen Verschwörungstheorien. Auch Christen. Dagegen hilft nur, sich an Gott zu wenden. Ihm auch die eigene Not zu klagen. Das hält Gott aus; siehe Hiob und viele Psalmbeter. Er fordert sogar dazu auf. Und das macht Mose: Er ‚hadert‘ nicht mit Gott, sondern er klagt Gott das Leid und die Not und erwartet von ihm Hilfe. Und Gott hilft heraus. Damals so wie erbeten. Manchmal aber auch anders als erbeten.

Wie viele Ratsuchende – und manchmal auch Seelsorgerinnen und Seelsorger – hadern mit ihren Mitmenschen, mit sich selbst, mit Gott und werden dadurch verbittert. Oder sie provozieren („versuchen“) und klagen gerade die an, die Ihnen helfen wollen. Seelsorgerinnen und Seelsorger sind dann gut beraten, solche Provokation nicht persönlich zu nehmen, sondern zu Gott zu führen und sich an ihn zu wenden. Und genauso wie Mose der Versuchung nicht erlag, selbst Abhilfe zu schaffen, sondern auf Gott zu hören, sollen und dürfen Seelsorger Werkzeug in seiner Hand sein und für „Wasser“ nach Leib, Seele und Geist im Auftrag und der Vollmacht Gottes sorgen.

Dafür ist Durchblick und ein offenes Ohr für Gottes Reden und Handeln jeden Tag notwendig. Unser Wochenvers mahnt uns, egal ob in der Person des Ratsuchenden oder in der Person des Seelsorgers, nicht „hartherzig“ zu werden. Dem Hören auf Gott gilt sein Versprechen in demselben Abschnitt, dem unser Vers für die Woche entnommen ist: „So ist also noch eine Ruhe – „Stille“ –  vorhanden dem Volke Gottes“ (Hebr. 4, 9). Der Durst nach Leben wird „gestillt“.

PS: Lesen Sie mal den gesamten Hebräerbrief. Oder zumindest den engeren Zusammenhang unseres Wochenverses Kapitel 3 bis 6! Als Übersetzung empfehle ich die NeÜ. Nebenbei: Der ‚Lockdown‘ des Volkes Israel dauerte damals 40 Jahre. Eine ganze Generation lang…

„Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erstrahlt über dir.“ (Jesaja 60,2b)

Mitten in der Finsternis, mitten in einer Krise, mitten im Leid, mitten in erlebter Krankheit, mitten in der Not und auch mitten im Tod gibt es Licht. Ein Licht, dass nicht von dieser Welt ist, ein Licht, dass uns auffordert nicht in der Verkrümmung der physischen und psychischen Dunkelheit zu verharren.

„Steh auf Jerusalem und werde Licht, denn dein Licht ist gekommen!“ so beginnt Kapitel 60 im Buch Jesaja.

Der Wochenspruch ist Trost, weil er uns etwas ins Gedächtnis ruft, was wir so schnell vergessen. Es gibt ein „sich Aufrichten“ in der Dunkelheit; nicht nur nach der Dunkelheit, weil die Herrlichkeit des Herrn über uns aufgeht und über uns erstrahlt. Das Licht der Herrlichkeit Gottes umgibt uns.

Wir sind oft problemorientiert, oder mehr noch, problemfokussiert. Wie durch eine schmale Röhre starren wir auf das Problem. Uns fehlt die Weite, wir erleben eine Engführung unseres Denkens und Fühlens.

„Manchmal findet sich die Lösung eines Problems in der Änderung des Blickwinkels.“ (Verfasser unbekannt).

Das Wort Gottes kann so eine Änderung des eigenen Blickwinkels sein. Gottes Wort ist außerhalb von uns. Es wird von Gott in uns hineingesprochen, es kommt uns quasi entgegen Sein Wort sagt uns Wahrheiten, die nicht aus uns heraus kommen und die nicht zu unserem Lösungsrepertoire gehören.

Eine Lösung mit der Krise, eine Lösung in der Krise, weil nicht mehr die Krise mich umgibt, nicht die Angst und auch nicht die Verzweiflung, sondern Gottes Herrlichkeit?

Ich empfinde diesen Gedanken, dieses Bild herausfordernd. In der Krise aufstehen, ein aufgerichteter Mensch, umgeben von der Quelle des Lichts der Herrlichkeit Gottes, dazu berufen selber Licht zu sein.

Ist das ein realistisches Bild? Es klingt ein wenig wie aus einer anderen Welt. Und das ist es auch. Es ist ein Bild, eine Perspektive, die Gott uns gibt, eine Perspektive der Hoffnung.

Lege ich den Fokus auf mein Problem oder auf Gott? Wir haben die Wahl. Wir dürfen Gottes Herrlichkeit über uns mit und in unseren Problemen aufgehen lassen und uns so eine neue Perspektive schenken lassen.

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13,29)

Jesus hat die himmlische Tischgemeinschaft schon im Blick als er dies zu seinen Jüngern sagt. Ich möchte Dich einladen, einen Augenblick über diese Szene nachzudenken. Was bedeutet für Dich Tischgemeinschaft? Wie sieht sie aus? Wie fühlt sich diese Gemeinschaft an? Was ist Dir dabei wichtig? In Zeiten des sozialen Entzugs durch Corona-Schutzmaßnahmen können Begegnungen zu Highlights werden. Ich selbst spüre, wie für mich eine Tischgemeinschaft mit der Familie oder guten Freunden an Bedeutsamkeit gewinnt. Über den Genuss einer gemeinsamen Mahlzeit und den Austausch kann eine tiefe Verbundenheit entstehen. Hier bin ich angenommen. Hier darf ich einfach SEIN. In einer von Angst bestimmten Corona-Welt ist dies eine „Insel der Glückseligkeit“.

Wenn wir diesen Aspekt auf unsern Bibelvers übertragen, nähern wir uns dem, was Jesus schon weiß. Die Menschen dort bei der himmlischen Tischgemeinschaft gehören zusammen. Vielleicht melden sich bei uns Fragen:  Tiefe Verbundenheit mit Asiaten erleben? Oder mit Afrikanern? Oder Amerikanern? Ich gebe zu, momentan ist es kaum vorstellbar, sich mit all diesen Personengruppen aus Süden, Norden, Osten und Westen gleichzeitig verbunden zu fühlen. Der Glaube an Christus, den Sohn Gottes, sprengt einmal mehr meine Denkgrenzen. Jesus selbst schafft die tiefste Verbindung, die Menschen mit Gott und untereinander haben können. Er, der Mensch geworden ist, hat durch seinen Sühnetod am Kreuz und seine Auferstehung die Position des Mittlers zwischen Gott und den Menschen eingenommen. Jesus macht aus allen seinen Nachfolgern eine große Familie und ist in diesem Sinne ihr großer Bruder.

Die Begegnung mit Christen aus anderen Kulturen oder der Besuch einer multikulturellen christlichen Gemeinde kann uns herausfordern. Unterschiedliche Stile, den Glauben auszudrücken, treffen aufeinander. Dies bietet eine Gelegenheit, unsere Art zu glauben zu hinterfragen. Was haben wir unkritisch von jemand übernommen? Was an unserem Glauben hängt mit unsrer Kultur zusammen? Was sagt die Bibel zu bestimmten Themen? Worauf kommt es an? Durch diese Auseinandersetzung kann der eigene Glaube an Tiefgang und Authentizität gewinnen. Um den echte überzeugte Nachfolge geht es auch im biblischen Kontext unsres Verses. Wer kommt wirklich in den Himmel? Wer sitzt bei Jesus am Tisch?

Kritische Auseinandersetzungen dieser Art wünsche ich mir für Seelsorger. Sie halten den Glauben lebendig. Wer weiß, was er glaubt, kann es in Beratungsgesprächen bei passender Gelegenheit mit einfließen lassen.

„Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Johannes 1,16)

Immer wieder haben wir Gnade von ihm, von Jesus Christus, genommen. So drückt es eine andere Bibelübersetzung aus, immer wieder.

Ein Kontinuum so zusagen, ein nicht enden wollender Vorgang. Ein Topf voller Gnade, der nie leer wird. Bereitgestellt für jeden, der sich bedienen möchte.

Aber nur, weil etwas für mich bereitgestellt ist, heißt ja noch lange nicht, dass ich es auch nehme.

Der Gedanke, von der Gnade oder auch Gunst eines anderen abhängig zu sein, gefällt uns in der Regel nicht wirklich. Da gefällt uns Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit und Autonomie schon eher.

Gnade anzunehmen oder zu geben setzt ein Gefälle voraus, ein Gefälle von einem Höherrangigem und einem der darunter steht. Gnade beinhaltet, dass jemand ein Recht hat etwas durchzusetzen, es aber nicht tut. Abhängigkeit und Ausgeliefertsein auf der einen Seite, stehen einem Verzicht auf die Durchsetzung dieses Rechtes auf der anderen Seite entgegen.

Wer Gnade nimmt, und das immer wieder, der akzeptiert die eigene Bedürftigkeit, auch seine eigene Unfähigkeit und stellt sich unter eine Herrschaft. Der gesteht ein, abhängig von Gnade zu sein.

Gottes Gnade ist seine verzeihende Güte. Das Gefälle Mensch (Geschöpf) zu Gott (Schöpfer) ist zu groß. Unüberbrückbar für uns Menschen. Und da kommt die Gnade ins Spiel, die Gnade, die sichtbar wird in Jesus Christus und die die Kluft überbrückt. Vergebende Gnade ist die Brücke, die Gott uns baut, damit ein Leben mit ihm möglich ist. Gottes purer Liebesbeweis.

Und wenn einzelne Steine durch Schuld aus der Brücke heraus zu bröckeln drohen und dadurch die Statik der Brücke bedroht ist, dann gibt es nur einen Weg der zur Stabilisierung führt:

Aus seiner Fülle Gnade nehmen, wieder, wieder und immer wieder!

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Römer 8,14)

In Deutschland gibt es eine Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung. Warum? Weil es so leicht ist, Verbraucher zu täuschen. Ist auch wirklich drin, was drauf steht? In der Bibel gibt es Kennzeichen für Gottes Kinder. Warum? Weil der Bibelleser darüber aufgeklärt werden soll, was ein Gottes Kind ausmacht. Ist auch wirklich drin, was drauf steht?

Bin ich ein Gottes-Kind? Ja, wenn ich den Geist Gottes in mir habe.  Und nein, wenn ich den Geist Gottes nicht in mir habe. Das sind klare Kennzeichen, „wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Römer 8, 9b).

Wer aber würde sich nicht danach sehnen, ein Gottes-Kind zu sein? Es hat doch keinen Wert, sich ewig mit dem boshaften und sich gegen Gott auflehnenden Herzen zu plagen; das menschliche Herz ist nicht fähig, Gott zu gefallen. Dafür ist doch Christus ein für allemal gestorben. Damit bietet er uns die Chance- ohne eigene Rechtschaffenheit- vor Gott vollkommen zu sein. Das nennt die Bibel ein herzlich geliebtes Gottes-Kind.

„Ist bei euch endlich der Groschen gefallen?“, so ähnlich fragt Paulus seine Adressaten.

Ist bei uns endlich der Groschen gefallen? Wir sind Gottes Kinder, wenn uns der Geist Gottes (das Sühneopfer Jesu) lieber ist als unsere eigene Rechtschaffenheit. Wir sind Gottes Kinder, wenn uns der Geist Gottes treibt, wir sind Gottes Kinder, wenn wir dem Geist Gottes Raum geben. Und dann werden wir täglich sterben, was so viel heißt, wie, den Begierden des „Fleisches“ (allem selbstverliebten Streben) nicht nachgeben. Aber das stößt uns dann nicht sauer auf, sondern wir wachsen hinein in eine tiefe Verbundenheit mit unserm Herrn und Heiland: ein liebevolles Verhältnis zu unserm Abba (Römer 8,15).

„Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1,14b)  (Johannes 1,14)

Der vollständige Vers lautet: „Er, das Wort, wurde Mensch und lebte unter uns. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie sie nur der einzigartige Sohn vom Vater bekommen hat.“ (NeÜ). Der Autor Johannes spricht von Jesus. Johannes schrieb dies etwa im Jahre 85 aus dem Exil in Ephesus; etwa 50 Jahre nach seiner Begegnung mit diesem Jesus.

Was verstehen Sie unter ‚Herrlichkeit‘? Ein Wort der deutschen Sprache, das im Alltag kaum noch vorkommt. Mit dem Begriff ‚Herrlichkeit‘ wird heute Großartigkeit, Glanz, Pracht, Ruhm, Protz, Prunk oder ‚Glanz und Gloria‘ verbunden. Passt das zu Jesus?

In ärmlichen Verhältnissen geboren. Von einer Jungfrau; was die Mehrheit der Menschen mit einem ‚milden‘ Lächeln abtut. Flucht vor Verfolgung mit seinen Eltern in’s Exil nach Ägypten. Als Erwachsener ohne festen Wohnsitz. Stressfaktor für die Eliten und als Aufwiegler verfolgt. Opfer eines Justizskandals. Grausam hingerichtet. Was hat das mit ‚Herrlichkeit‘ zu tun???

‚Herrlichkeit‘ hat noch eine andere Bedeutung. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes ist vor dem 15. Jahrhundert zu finden: ‚Herrlichkeit‘ bezeichnete den Herrschaftsbereich eines Machthabers. Schauen wir auf das Leben von Jesus, scheint damit ‚auch nicht viel Staat zu machen‘ sein… „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus selbst dem damaligen Machthaber Pilatus. Wahrheit oder Ausrede?

Der erste Augenschein kann trügen. Gott ist eben ganz anders als wir Menschen. Erst recht als unsere Erwartungen. Das war schon vor Lebzeiten Jesu so, zu seinen Lebzeiten; und es ist bis heute so geblieben. Dabei alles hängt davon ab, wer Jesus eigentlich ist: Ein guter Mensch, damit (nur) ein Vorbild? Das macht ihn nicht groß, sondern klein; begrenzt auf menschliche Möglichkeiten. Denn ist seine Geburt rein natürlich, ist Jesus nur Mensch, mehr nicht. Nur ein wenig ethisch-moralisch höherstehend. Sind seine Wunder nur Mythen, begegnet uns Gott selbst nicht in ihm. Und ist er nicht auferstanden aus dem Tod, bleibt Jesus einfach nur Mensch, mehr auch nicht. Ein Mahatma Ghandi, ein Nelson Mandela des Altertums.

Der Augenzeuge Johannes sagt uns aber, dass Gott selbst sich in Jesus ganz klein und unscheinbar machte. Dass er von außerhalb von ‚Raum und Zeit‘ in diese Welt kam und aus dieser Welt wieder zurückkehrte. Nur ein solcher Gott verdient die Ehren-Bezeichnung ‚Herrlichkeit‘ – in dem doppelten Sinne des Wortes. Und diese Herrlichkeit hat Gott Jesus verliehen, sagt uns Johannes.

Zur Verdeutlichung und Weiterführung eine Geschichte, die ich vor langer Zeit bei Axel Kühner gelesen hatte. Es geht um die Frage, wo Gott wohnt, also wo er das Sagen hat. Dazu erzählt Axel Kühner: Im Kindergarten fragt die Erzieherin die Kinder, wo denn Gott wohne. Ein Kind antwortete: „Gott wohnt im Himmel.“ Ein anderes: „Gott wohnt auf der Erde unter den Menschen.“ Ein drittes sagte: „Gott wohnt im Himmel, aber seine Praxis hat er in der Kirche!“

Wie gut, dass Gott seine Praxis nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft, in der Politik, den Verwaltungen, der Justiz, den Schulen, in den Unternehmen und in den Ehen und Familien hat. Und wie jeder Arzt hat auch Gott ‚das Sagen‘ in seiner Praxis. Und wie jeder Arzt hat auch er Assistenten und Helfer. Diese sind die ersten, die ein Patient zu Gesicht bekommt. Seelsorger und Berater dürfen und sollen sich als Assistenten dieses großen Gottes in seiner Praxis hier auf Erden verstehen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Denn so wird die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt sichtbar.

PS: Ich empfehle, vertiefend das Buch ‚Jesus. Eine Weltgeschichte‘ zu lesen. Autor ist Markus Spieker, Journalist und Historiker.